Schwerhörigkeit / Gehörlosigkeit (DFNB1, 2, 3)
(Connexin 26, Connexin 30 und Connexin 31)
Autosomal rezessive, sensorineurale Schwerhörigkeit
MIM 220290
MIM 604418
MIM 603324
Einführung
Patienten mit Mutationen in Connexin-Genen zeigen als einziges Symptom den sensorineuralen Hörverlust (“nicht-syndromal“), d.h. eine Innenohrschwerhörigkeit. Bei Connexin 26-Defekten tritt er schon prälingual meist vor dem 2. Lebensjahr auf. Die Erkrankung ist in zwei Drittel der Fälle nicht progressiv.Die Befunde betroffener Patienten im Audiogramm variieren sogar innerhalb von Familien stark, so dass man nicht von einem typischen Connexin 26-Audiogramm sprechen kann. Bei Connexin 31-Defekten betrifft der Hörverlust bevorzugt den Hochtonbereich. Der Hörverlust reicht von leichter Hörminderung bis zur schweren Taubheit; meist findet man aber eine schwere bis komplette Taubheit. Das Vestibularorgan ist i.d.R. nicht betroffen.
Genetik
Schwerhörigkeit oder Gehörlosigkeit kommt mit einer Inzidenz von 1:1000 in der europäischen Bevölkerung vor. Ca. 50% der Fälle können auf exogene Ursachen (z.B: pränatale Rötelninfektion, Hypoxie unter der Geburt, Meningoenzephalitis, Mittelohrentzündung, Traumata) zurückgeführt werden. Weitere 50% werden als genetisch bedingt angesehen. Von diesen wird die überwiegende Mehrheit von 70-80% der nicht mit einem klinischen Syndrom assoziierten Fälle autosomal rezessiv vererbt; 10-20% folgen einem autosomal dominanten und 2-3% einem X-chromosomalen Erbgang.Im Jahre 1997 wurde ein Gen identifiziert, dessen Veränderungen etwa 50% der Fälle von autosomal rezessiver Schwerhörigkeit ausmachen: Das GJB2-Gen (Connexin 26) im Chromosomenbereich 13q11-12. Später wurden in einigen Fällen auch Mutationen in dem GJB6-Gen (Connexin 30), das eng benachbart liegt, beobachtet. Interessanterweise wurden bei einer Untersuchung von Patienten, die nur eine (heteroygote) Mutation des Connexin 26-Gens aufweisen, in zwei Drittel der Fälle eine weitere Mutation in dem Connexin 30-Gen nachgewiesen, so dass davon ausgegangen werden kann, dass Heterozygotie für beide Gene zu einer nicht-syndromalen Schwerhörigkeit führt.
Schließlich wurden in der letzten Zeit auch Mutationen in dem GJB3-Gen (Connexin 31) im Chromosomenbereich 1p35.1 bei nicht-syndromaler Schwerhörigkeit nachgewiesen. Diese Mutationen können sowohl dominant als auch rezessiv vererbt werden. Im Vergleich zu dem GJB2 sind die GJB6- und GJB3-Mutationen aber eher weniger häufig.
Pathophysiologie
Connexine bilden eine Familie von Transmembran-Proteinen, die an der Kommunikation der Zellen über Gap-Junctions beteiligt sind. Eine wichtige Aufgabe des Connexin 26 ist es, nach der Stimulation der sensorischen Haarzellen Kalium-Ionen in die Endolymphe der Cochlea (Scala media) zurückzuführen. Die Abwesenheit von Connexin 26 unterbindet nach heutiger Vorstellung dieses Recycling und führt damit zum Hörverlust (“loss of function”). Connexin 26 wird zwar in den verschiedensten Geweben exprimiert, die Klinik der betroffenen Patienten beschränkt sich aber nach heutiger Kenntnis auf das auditorische System. Es ist davon auszugehen, dass die Pathophysiologie bei den anderen Connexindefekten ähnlich verläuft.Indikation
Die molekulargenetische Diagnostik erlaubt es, die möglichen Ursachen der Schwerhörigkeit zu untersuchen und Aussagen über das Wiederholungsrisiko Betroffener zu machen. Weiterhin kann bei rechtzeitiger Diagnosestellung im Säuglingsalter eine frühzeitige Therapie eingeleitet werden. Sinnvoll ist es in vielen Fällen, eine Stufendiagnostik durchzuführen. Als häufigstes betroffenes Gen sollte zunächst das GJB2-Gen besonders bei Verdacht auf eine autosomal rezessive Form der Schwerhörigkeit, und bei negativem Ergebnis dann das GJB6-Gen untersucht werden. Auch bei dominanten Vererbungsmustern können in Einzelfällen diese beiden Gene betroffen sein. Sind beide Untersuchungen negativ, kann auch noch das GJB3-Gen angeschlossen werden. Schließlich, besonders bei Vorliegen einer Schilddrüsenfunktionsstörung, kann noch das SLC26A4-Gen (Pendred-Syndrom) molekulargenetisch getestet werden.
Diagnostik
Der Mutationsnachweis erfolgt mittels Polymerase-Kettenreaktion (PCR) und anschließender Sequenzierung. Dabei wird jeweils der gesamte kodierende Bereich der zu jeweiligen Gene untersucht.Untersuchungsmaterial:
(Versand durch Post oder Boten)
- mind. 1 ml EDTA-Blut
- 3 Wochen
Literatur
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