Cri-du-Chat-Syndrom
Katzenschrei-Syndrom
MIM 123450
Einführung
Das Cri-du-Chat-Syndrom (Katzenschrei-Syndrom) wurde 1963 von Lejeune et al. als erste partielle autosomale Monosomie beim Menschen beschrieben. Die Häufigkeit beträgt etwa 1:50.000. Das Syndrom tritt im Verhältnis von 4:3 etwas häufiger bei Mädchen auf (Niebuhr, 1978). Es wird angenommen, daß bis zu 1% der schwer behinderten Kinder dieses Syndrom haben.Das auffälligste Merkmal der Chromosomenstörung ist der hohe monotone Schrei, der an das Schreien junger Kätzchen erinnert und dem Syndrom seinen Namen gegeben hat. Er ist etwa eine Oktave höher (880 Hz) als der um den Kammerton "a" (440 Hz) liegende normale Säuglingsschrei (Murken und Cleve, 1996). Kinder mit Cri-du-Chat-Syndrom haben ein charakteristisches Gesicht. Im Säuglingsalter ist das Gesicht rund mit Hypertelorismus, schräg gestellter Lidachse, Epikanthus (extra Hautfalte im inneren Augenwinkel), tiefsitzenden Ohren, einer breiten und flachen Nase sowie einem kleinen, zurückfliehenden Kinn. Die Merkmale des Gesichts verändert sich mit dem Alter. Das Gesicht wird länger, im Jugendalter werden dann die Gesichtszüge gröber mit charakteristisch hervorstehenden Augenbrauenwülsten, tiefliegenden Augen, einer hypoplastischen Nasen-brücke und kleinem Unterkiefer, der häufig zu einem starken Überbiß führt. Zum körperlichen Erscheinungsbild gehören neben den Besonderheiten der Fascies ein pränataler Minderwuchs, ein niedriges Geburtsgewicht und eine Microcephalie. Während frühe Hypertonie und Saug- und Atem-beschwerden mit zunehmendem Alter nachlassen, bleiben eine ausgeprägte Wachstums-minderung und Mikrocephalie bestehen. Begleitfehlbildungen sind ange-borene Herzfehler, Hirn- und Nierenfehlbildungen.
Es besteht eine geringe Letalität, viele Betroffene erreichen das Erwachsenenalter. Im frühen Kindesalter fallen eine Muskelhypotonie und Persistenz archaischer Reflexe auf. Die körperlichen und geistigen Entwicklungsschritte sind stark verzögert. Die Sprachentwicklung bleibt oft aus und besteht nur aus wenigen Worten. Der IQ liegt in der Regel unter 20 (Murken und Cleve, 1996).
Genetik
Dem Cri-du-Chat-Syndrom liegt eine Deletion des kurzen Arms von Chromosom 5 zugrunde, wobei das Ausmaß der Segmentdeletion variabel ist. Die zytogenetische Variationsbreite ist groß und reicht von einfachen terminalen Deletionen unterschiedlicher Größe, bei denen das genetische Material vom Ende des kurzen Arms eines Chromosoms 5 verloren gegangen ist, über interstitielle Deletionen (Stückverluste nach zwei Bruchereignissen) bis zu einer Vielzahl struktureller Neubildungen. Das kritische Segment, welches allen Patienten mit dem Vollbild des Syndroms fehlt, ist der Abschnitt 5p15. Bei etwa 20% der Betroffenen leitet sich die Deletion von einer elterlichen balancierten reziproken Translokation ab, bei der betreffende Kurzarmabschnitt von Chromosom 5 auf ein anderes Chromosom transloziert ist. Bei der Mehrzahl der Fälle handelt es sich um de novo- Deletionen. In etwa 20 bisher beschriebenen Fällen ist eine Mosaikform gefunden worden, bei der der Bruch des Chromosoms 5 in einem frühen Entwicklungsstadium des Feten aufgetreten ist, so daß nur ein Teil der fetalen Zellen das deletierte Chromosom enthält.Diagnostik
Untersuchungsmaterial:(Versand durch Post oder Boten; Chorionzottenmaterial kühlen)
- peripheres Blut (heparinisiert; 5 ml)
- Fetalblut (heparinisiert, 0,5-2,0 ml)
- 1–2 ml natives Fruchtwasser
- 0,5-1,0 mg Chorionzotten
- Heparinblut: 7-10 Tage
- Fruchtwasser: ca. 3 Wochen
- Chorionzotten: ca. 3 Wochen
Literatur
- Lejeune, J.; Lafourcade, J.; Berger, R.; Vialatta, J.; Boeswillwald, M.; Seringe, P.; Turpin, R.: “Trois ca de deletion partielle du bras court d'un chromosome 5“. C. R. Acad. Sci. (Paris) 257: 3098 (1963).
- Murken J., Cleve, H.: „Humangenetik“, Enke Verlag, 6. Auflage (1996). Niebuhr, E.: „The cri du chat syndrome: epidemiology, cytogenetics, and clinical features“. Hum. Genet. 44: 227-275 (1978).