Kallmann-Syndrom Typ 1
MIM 308700
Einführung
Das Kallmann-Syndrom wird durch eine Störung der hypothalamischen GnRH-Sekretion verursacht und ist genetisch determiniert. Das klinische Vollbild dieses Syndroms findet man beim männlichen Geschlecht mit einer Prävalenz von etwa 1:7500, inkomplette Formen sind möglicherweise häufiger. Das zahlenmäßige Verhältnis von männlichen zu weiblichen Patienten mit Kallmann-Syndrom beträgt etwa 6:1. Ursache hierfür ist der geschlechts-gebundene Erbgang der Erkrankung. Die Vererbungsweise ist X-chromo-somal-rezessiv oder X-chromosomal-dominant mit geringer Penetranz beim weiblichen Geschlecht.
Symptomatik:
Leitsymptom des Kallmann-Syndroms ist die ausbleibende oder unvoll-ständige Pubertätsentwicklung mit klinisch ausgeprägtem Hypogonadismus. Weitere Zeichen des Hypogonarismus sind Unterentwicklung von Penis und Prostata, fehlende oder gering entwickelte Pubes-, Axillar- und Körper-behaarung, ausbleibender Bartwuchs, eunuchoide Körperproportionen sowie feminines Fettverteilungsmuster. Eine Gynäkomastie tritt nur selten auf. Ohne Therapie sind Männer und Frauen infertil, bei Männern besteht Aspermie oder Azoospermie. Bei älteren Patienten tritt Osteoporose auf.
Als zweite Kardinalmanifestation kommt beim Kallmann-Syndrom die Anosmie hinzu. Die Störung des Riechvermögens beruht auf einer Aplasie oder Hypoplasie der Bulbi und Tractus olfactorii. Die Wahrnehmungsfähigkeit für Schleimhautreizstoffe, z.B. Ammoniak, und für die vier Geschmacks-qualitäten ist beim Kallmann-Syndrom nicht gestört.
Zusätzlich funktionelle oder strukturelle Anormalien sind unintendierte Mitbewegungen der gegenseitigen Extremität bei Willkürinnervation (60%), Störungen der Blickmotorik und Kleinhirnfunktion sowie Pes cavus. Einseitige Nierenagenesie und andere Anormalien des Harnsystems, einseitige Samenleiteraplasie, Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten und fleckförmige Hyperpigmentation der Haut treten ebenfalls gehäuft auf.
Genetik
Das für das Kallmann-Syndrom verantwortliche Gen liegt auf dem kurzen Arm des X-Chromosoms (Xp22.3) und wird als KAL-X (auch KALIG-1 oder ADMLX) bezeichnet.Das exprimierte Protein ist strukturell mit Zelladhäsionsproteinen verwandt, von denen bekannt ist, daß sie eine wichtige Rolle bei der Aus-formung des Nervensystems spielen. Eine Vielzahl verschiedener Mutationen (Deletionen, Punktmutationen) in dieser Erbanlage sind beschrieben (Hardelin et al., 1992). Allerdings lassen sich solche Mutationen nicht in allen betroffenen Familien nachweisen. Möglicherweise spielen noch andere X-chromosomale Gene als KAL-X in der Pathogenese des Kallmann-Syndroms eine Rolle. Das primäre klinisch definierte Krankheitsbild Kallmann-Syndrom könnte genetisch heterogen sein.
Diagnostik
Untersuchungsmaterial:
(Versand durch Post oder Boten; Chorionzottenmaterial kühlen)
- peripheres Blut (heparinisiert; 5 ml)
- Fetalblut (heparinisiert, 0,5-2,0 ml)
- 1–2 ml natives Fruchtwasser
- 0,5-1,0 mg Chorionzotten
Dauer der Untersuchung:
- Heparinblut: 7-10 Tage
- Fruchtwasser: ca. 3 Wochen
- Chorionzotten: ca. 3 Wochen
Literatur
- Hardelin, J.-P.; Levilliers, J.; del Castillo, I.; Cohen-Salmon, M.; Legouis, R.; Blanchard, S.; Compain, S.; Bouloux, P.; Kirk, J.; Moraine, C.; Chaussain, J.-L.; Weissenbach, J.; Petit, C.: „X chromosome-linked Kallmann syndrome: stop mutations validate the candidate gene.“ Proc. Nat. Acad. Sci. 89: 8190-8194, 1992.
- Kallmann, F. J.; Schoenfeld, W. A.; Barrera, S. E. : „The genetic aspects of primary eunuchoidism.“ Am. J. Ment. Defic. 48: 203-236, 1944.