Marfan-Syndrom
MIM 154700
Einführung
Beim Marfan-Syndrom (MFS) handelt es sich um eine autosomal dominant vererbte generalisierte Erkrankung. Die geschätzte Auftrittshäufigkeit liegt bei etwa einem Fall pro 10.000 Menschen. Feingeweblich manifestiert sich dieses Syndrom in einer pathologischen Veränderung der Mikrofibrillen des Bindegewebes, die das Grundgerüst von elastischen Fasern darstellen. Diese Veränderungen werden durch Mutationen im Gen der Hauptkomponente der Mikrofibrillen, dem Fibrillin, hervorgerufen. Da die Mikrofibrillen im Organismus weit verbreitet sind, führt diese Mutation zu klinischen Manifestationen an verschiedenen Organsystemen und zu einem weiten Spektrum klinischer Probleme. Zu nennen wäre das Herz- und Gefäßsystem mit Entwicklung von Aneurysmen und Dissektionen der Aorta und Arterien sowie Funktionsstörungen des Mitralklappenapparates. Am Auge kommt es zu Linsenluxation und Abflachung der Hornhaut mit der Folge einer starken Kurzsichtigkeit. Am Skelettsystem fällt der starke Hochwuchs auf, besonders aufgrund übermäßigen Längenwachstums der Extremitäten und hier wiederum der distalen Anteile (Arachnodaktylie).Indikation
- Klinischer Verdacht auf Marfan-Syndrom: Für die klinische Diagnose sollten 15 Haupt- und 15 Nebenkriterien im Rahmen eines standardisierten Untersuchungsablaufs überprüft werden. (Genter Kriterien von 1996; De Paepe et al.)
- Positive Familienanamnese
Diagnostik
Aus dem eingesandten Blut wird zunächst DNA isoliert. Anschließend werden die 65 Exone des Fibrillin-1-Gens mit angrenzenden Intron-Bereichen auf Chromosom 15 (15q21.1) durch Polymerase-Kettenreaktion (PCR) amplifiziert, sequenziert und computerunterstützt analysiert. Sollte eine krankheits-resultierende Mutation gefunden werden, ist die Analyse abgeschlossen; die verbleibenden Exone brauchen in diesem Fall nicht mehr analysiert werden.Untersuchungsmaterial:
(Versand durch Post oder Boten)
- mind. 1 ml EDTA-Blut
- 12 - 14 Wochen
Sonstiges
In der Regel hat jeder Marfanpatient bzw. jede Marfanfamilie seine/ihre eigene Mutation. Bisher wurden über 100 krankheitsauslösende Mutationen beschrieben und es kann noch keine schlüssige Phänotyp-Genotyp-Korrelation aufgestellt werden.Die Betreuung eines MFS-Patienten sollte interdisziplinär erfolgen. Neben ophthalmologischen und orthopädischen Behandlungskonzepten sollte der Durchmesser der Aorta in ihrem gesamten Verlauf regelmäßig kontrolliert werden - idealerweise mittels MR- oder CT-Diagnostik. Falls eine Aorten-erweiterung eine kritische Grenze überschreitet, kann dann rechtzeitig in spezialisierten Zentren ein Ersatz des betroffenen Aortenstücks erfolgen.
Bei unbehandelten Patienten ist die mittlere Lebenserwartung mit 32 Jahren gegenüber der Durchschnittsbevölkerung deutlich reduziert.
Literatur
- De Paepe, A.; Devereux,.R.B.; Dietz, H.C; Hennekam, R.C.M.; Pyeritz, R.E.: “Revised diagnostic criteria for the Marfan-Syndrom“. Am. J. Med. Genet. 62: 417-426 (1996).
- von Kodolitsch, Y.; Raghunath, M.; Nienaber, C.: “Das Marfan-Syndrom-Strategien einer interdisziplinären Betreuung". Dtsch. med. Wschr. 123: 21-25 (1998).
- McKusick, V.A.: “Abraham Lincoln and Marfan-Syndrom“. Nature 352: 280 (1991).
- Nienaber, C.A.; v. Kodolitsch, Y.; Kaufma1nn, U.; Laudahn, B.; Raghunath, M. Meinertz, T.: „Klinik und Genetik des Marfan-Syndroms". Medgen 11: 275-279 (1999).
- Raghunath, M.; Nienaber, C.; von Kodolitsch, Y.: "100 Jahre Marfan-Syndrom- eine Bestandsaufnahme". Deutsches Ärzteblatt 94, Heft 13: A-821-830 (1997).